„JEMAND“

 

 

AUSSEN – FELD – TAG

 

Ein grünes Weizenfeld am helllichten Frühlingstag, ein Wald am Rande. Ein leichter Windhauch berührt den Weizen. Ein sechsjähriges Mädchen erscheint aus dem Weizen, steigt auf einen Hügel in der Mitte des Feldes und blickt beglückt um sich.

 

MÄDCHEN
(laut)

                           Mama! Mama! Papa!

 

Keiner antwortet. Das Mädchen zögert einen Moment.

 

MÄDCHEN
(leiser)

                           Sie schweigen… Sie haben sich versteckt. Mama!

 

Plötzlich hört sie eine männliche melancholische Stimme.

 

JEMAND

(off)

                           Warum schreist du so?

 

Erstaunt und verwirrt schaut sich das Mädchen um und sieht niemanden.

 

JEMAND

(off)

                           Sie hören dich sowieso nicht…

 

MÄDCHEN

                           Wer bist du? Und wo bist du eigentlich, wenn du gar nicht

                           zu sehen bist?

 

Geraschel, als ob jemand hin und her geht.

 

 

JEMAND

(off)

(konzentriert)

Hör zu. Dein Papa schläft, er hat den Kuchen gegessen und ruht sich jetzt aus. Und deine Mama singt und kommt zu ihm.

 

MÄDCHEN

                           Was singt sie?

 

JEMAND

(off)

    Etwas Wortloses.

 

Für einen Augenblick sehen wir die Eltern des kleinen Mädchens – der Vater liegt im Weizen und lächelt mit geschlossenen Augen, die Mutter kommt zu ihm, lächelt auch und singt ein Lied, das wir aber nicht hören.

 

MÄDCHEN

                           Woher weißt du das?

 

JEMAND

(off)

                           Ich weiß alles.

 

MÄDCHEN

(misstrauisch)

                           So. Und wieso habe ich nach meinen Eltern gerufen?

 

JEMAND

(off)

Vor Freude. Du hast dich über die Sonne gefreut und gerufen.

 

MÄDCHEN

(überrascht)

                           Ja, das stimmt. Und was wollte ich meinen Eltern sagen?

 

JEMAND

(off)

                           Frühling.

Das Mädchen sucht im Weizen, findet aber niemanden. Einen Moment später:

 

MÄDCHEN

(entschieden)

                           Lass uns um die Wette laufen!

 

JEMAND

(off)

(schlaff)

                           Mit mir ist das uninteressant. Ich bin überall.

 

MÄDCHEN

                           Das glaube ich nicht!

 

JEMAND

(off)

                           Lauf!

 

Das kleine Mädchen stürzt vom Hügel hinunter, läuft aus Leibeskräften durch den Weizen, der in ihr Gesicht schlägt, bis zum Fluss, wo sie das Gleichgewicht verliert und ins Wasser fällt; dann rennt sie in den Wald hinein.

 

 

AUSSEN – WALD – TAG

 

Das Mädchen versteckt sich unter einer verfaulten Kiefer und kommt langsam zu Atem.

 

 

MÄDCHEN

(flüsternd)

                           Wo bist du?

 

JEMAND

(off)

(ungern)

                           Hier bin ich, zittere nicht so…

 

Das Mädchen fängt an, leise zu weinen. Sie fröstelt.

 

MÄDCHEN

                           Wer bist du? Zeig dich!

 

JEMAND

(off)

                           Das kann ich nicht.

 

MÄDCHEN

                           Bist du verzaubert?

 

JEMAND

(off)

                           Ne. Man wird nur in Märchen verzaubert.

 

MÄDCHEN

                           Und wo sind wir?

 

Keiner antwortet. Es dämmert. Das Mädchen sitzt weiter unter der Kiefer, fasst ihren Kopf mit den Händen, schaukelt sich und brüllt, als ob ihre Zähne wehtäten.

 

JEMAND

(off)

(beruhigend)

Keine Angst, es geht vorbei… Du musst nur verstehen, dass es immer jemanden gibt, der nicht zu sehen ist.

 

Es wird dunkel. Man hört die entfernte Stimme der Mutter.

 

MUTTER

(off)

                           Christine!..