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Who’s afraid of Woody Allen?
Auf dem schwarzen Bildschirm wird eingeblendet:
„Der nachfolgende Film ist für Zuschauer, die nie was von Woody Allen gehört haben, nicht geeignet.“
Nach einer Pause: „Sorry.“
Außen. Park. Tag.
Ein kleiner Junge schaut lächelnd in die Kamera. Im Hintergrund steht ein Scheinwerfer, ein Assistent geht vorbei, einen Reflektor tragend. Der Junge wird von einer Assistentin geschminkt, die andere probiert an ihm die Engelsflügel an.
Stimme des Regisseurs (off): Nein, nein, die Flügel werden wir in einer anderen Szene einsetzen. Diesmal machen wir’s ohne Flügel…
Blackout. Auf dem Bildschirm wird eingeblendet: „An meine erste Liebe…“ Nach einer Pause: „… sowie an die 7., 8. und 14.“
Stimme des Regisseurs (off): Los, geht’s, Leute!.. Kamera! Stimme des Kameramanns (off): Kamera läuft! Stimme der Assistentin (off): Szene eins, die erste… Stimme des Regisseurs (off): Und Action!
Außen. Park. Tag.
Der Junge sitzt auf einem Baumast und schaut in die Kamera.
Stimme des Regisseurs (off): Wer bist du? Junge: Amor. Stimme des Regisseurs (off): Und was tust du hier? Junge: Ich tue Wunder. (zeigt mit Händen) Stimme des Regisseurs (off): Wunder? Junge: Ja. Guck mal da! (zeigt auf die andere Seite der am Park anliegenden Straße)
Außen. Straße. Tag.
Auf der anderen Seite der Straße geht Max (ein 25-jähriger Brillenträger) völlig in seinen Gedanken versunken, vielleicht spricht er auch mit sich selbst. Er geht in eine Haustür herein.
Innen. Hausflur. Tag.
Max holt aus dem Briefkasten seine Briefe, von denen einer ihn besonders interessiert. Auf dem Briefumschlag steht: „Deutsche Film- und Fernsehakademie“. Max hat es sehr eilig, den Brief aufzumachen, seine Hände zittern. Schließlich öffnet er den Brief, liest den Inhalt und ist schockiert.
Max: Ach du Scheiße…
Schnitt. Filmklappe.
Stimme der Assistentin (off): Szene 32, die fünfte… Max: Ach du Scheiße…
Schnitt. Filmklappe.
Stimme der Assistentin (off): Szene 32, die zwölfte… Max: Äh… (schaut verzweifelt in die Kamera) Ich hab den Text vergessen.
Blackout. Vorspann.
Innen. Wohnzimmer. Abend.
Eine Party. Laute Musik. Eine Wohnung voll mit jungen Menschen. Max und Oliver, sein Bekannter, sitzen auf dem Boden. Oliver dreht Joints und hört Max zu, der den Brief in der einen und ein Glas Wodka in der anderen Hand hält. Max gestikuliert heftig beim Erzählen und merkt gar nicht, dass er Wodka auf den Boden verschüttet. Während des ganzen Dialogs hört man die Unterhaltung der anderen Gäste als unbestimmtes Gemurmel.
Max (off): Natürlich werde ich zurecht kommen, oder was glaubst du, was ich tun werde? Mich aufhängen? Ich bin, ich bin jung, ich bin kein Skinhead, aber meine Haare fallen schon aus… ich meine, in 30 Jahren werde ich mir ein weißes Tuch kaufen müssen und als Mahatma Ghandi am Halloween Kinder erschrecken... Aber jetzt, jetzt befinde ich mich in der Blütezeit meines Lebens, und trotzdem bin ich… äh… ich bin völlig im Arsch! Dieser Brief, dieser scheißverdammte Brief von der scheißverdammten Filmhochschule! Und dabei fängt es so schön an, hör dir das mal an (liest vor) „Sehr geehrter Herr…“ Oliver (on): Max, du hast es schon hundertmal vorgelesen. Max: Ja, aber jetzt pass mal auf! (liest vor) „Leider sehen wir uns gezwungen bla bla bla. Die für ein Regiestudium erforderlichen Voraussetzungen waren nicht in ausreichendem Maße erkennbar.“ Nicht in ausreichendem Maße! Was, was soll das? Wie soll ich jetzt weiterleben? Ich meine, mir bleibt wirklich nichts anderes übrig als mich aufzuhängen! (wirft den Brief weg) Oliver: Kann ich dir vielleicht dabei helfen? Max: Danke, Oliver, du bist ein richtiger Freund… Oliver: Aber es geht doch nicht ums Studium sondern ums Filmemachen! Max: Ja, natürlich, aber ich habe damals diesen Kurzfilm für die Bewerbung gemacht, und es, es kostete mich ziemlich viel Kraft! Oliver: Was hast du denn gemacht?
Sie stehen beide auf, Oliver gibt den fertigen Joint dem daneben sitzenden Kerl, der seine Zigarette in die leere Rotweinflasche hineinwirft. In einem Augenblick wird die Flasche von Zigarettenstummeln gefüllt (Zeitraffe).
Max (off): Äh… weißt du, das, das war… ein Musical, ein zehnminütiges Musical mit einem Hauch von Kafka. Und zwar über einen lebensfreudigen Müllmann. Du hättest die Schluss-Szene sehen sollen, wo die leeren Joghurtbecher zu singen und zu tanzen beginnen…
Max steht vor der Toilettentür, an der ein „Pulp Fiction“-Poster hängt (so dass John Travolta und Samuel L. Jackson mit seinen Pistolen auf Max zielen), und spricht mit Oliver, der anscheinend drin ist.
Oliver (off): Cool. Max: Und jetzt, jetzt sagen die, dass ich kein Talent habe! Oliver (off): Das haben sie nie behauptet. (on) (auf dem Klo sitzend) Die sagen nur, du hast Scheiße gemacht. Max (on): Was erwarte ich denn? Ich müsste mal ganz ehrlich zu mir selbst sein – ich bin ein Loser. Ein Nichts. Eine Null. Ein Möchte-Gern-Woody-Allen. Ich meine, ich kann so nicht weitermachen! Oliver (off): Woody Allen? Wer ist Woody Allen?
Max schüttelt den Kopf und beobachtet drei an der Wand sitzenden Jungs, die Bier durch Strohhalme trinken, ein vorbeigehendes Mädchen anstarren und sich dabei synchron bewegen. Dann sieht er ein betrunkenes Mädchen.
Das betrunkene Mädchen: (auf die Stempel an ihren Händen zeigend) Diese Woche war ich schon auf einer Star-Wars-Pyjama-Party, auf einer jüdischen Weihnachtsparty, einer Ehescheidungsparty, einer Blumen-und-Katzen-Allergiker-Party und, und… aber die hier… sie sind doch alle betrunken! Ich meine…
Max schaut andere Leute auf der Party an, die offensichtlich zur impulsiven Party-Musik tanzen (man hört aber die für Woody Allen typische Jazz-Musik).
Max (off): (zerstreut) Ich weiß nicht. Ich weiß wirklich nicht.
Max bemerkt ein hübsches blondes Mädchen, das ihn anlächelt, und traut seinen eigenen Augen nicht – es kommt ihm vor, als wäre sie ein Engel, der gerade vom Himmel zu ihm gekommen ist. In diesem Moment stellt sich jemand zwischen den beiden, und als er weg ist, ist auch das Mädchen weg, als ob sie überhaupt nicht da war.
Oliver: (kommt aus dem Badezimmer raus) Du musst einfach einen neuen Film drehen, bevor du selber durchdrehst.
Sie gehen zurück in das Zimmer und setzen sich hin. Max schaut überall nach dem Mädchen, sieht es aber nicht.
Max: Nein, Schluss damit, keine Filme mehr! Ich will einfach… ich glaube, ich sollte lieber Tischler werden. Oliver: Ein Traumberuf. Max: Was macht ein Tischler? Oliver: Tische, glaube ich… Max: Ja, das ist es! Einfach Freude daran haben, dass du… dass… Oliver: Dass du dir die Finger nicht abgeschnitten hast. Max, du redest dummes Zeug. Max: Ja, vielleicht, aber mir ist schlecht, deshalb darf ich das. Ich brauche einen Psychoanalytiker. Oliver: Wer braucht schon heutzutage einen Psychoanalytiker, wenn dein bester Kumpel für dich immer einen Joint bereit hat? (Oliver gibt Max einen Joint.) Wie gesagt, lieber ein Joint als Siegmund Freud! Max: Ich glaube nicht, dass es bei mir funktioniert. (Er zieht am Joint.) Nein, wirklich, obwohl ich ein leidenschaftlicher Passivraucher bin, habe ich… also gegen so was habe ich eine gewisse Immunität…
Außen. Das Dach eines Hochhauses. Nacht.
Max steht halbnackt auf dem Dach und schreit im Rausch.
Max: Ich bin die Reinkarnation von Federico Fellini!
Im Himmel sieht Max eine vorbei fliegende „Untertasse“. Sein begeistertes Gesicht wird für ein paar Sekunden beleuchtet.
Max: (in einem Anfall plötzlicher Inspiration) Mir ist gerade eine geniale Story eingefallen…
Blackout.
Außen. Dortmund. Tag / Nacht.
Musik: Gershwin „Rhapsody in Blue“
Max’s Stimme (off): Dortmund…
Bilder zu dem Monolog über Dortmund: - Reinoldikirche - Hauptbahnhof - Menschengedränge auf dem Bürgersteig, auf der Treppe vor dem Hauptbahnhof - ein küssendes Paar am Stadtgarten - Menschen, die sich vor dem Regen unter einem Schutzdach verstecken, - ein Kerl, der unter einem Regenschirm hervor guckt, überprüfend, ob es noch regnet, - Pommes-Bude - Weihnachtsmarkt - Menschengedränge am Hellweg - Straßenmusiker - ein Auto, das neben einem Mädchen bremst, - Kinder, die im Springbrunnen spielen, - Jugendliche, die Skates fahren, - türkische Dönerbuden, afrikanische Frisiersalons, russische Geschäfte… - Friedhof - ein Kerl, der im Park auf dem Rasen liegt und ein Buch liest, - Sitzende im Cafe - Schaufensterpuppen - Punks, Gothic-Fans, Polizisten… - Demonstranten - Baustellen - Hafen - Borussia-Dortmund–Fans (spezielle Borussia-Dortmund–Geschäfte) - Stadttheater bei Abendlicht - leerer Hellweg mit blinkenden Neonlichtern und leuchtenden Schaufenstern - etc.
Max’s Stimme (off): Die Stadt der Liebe, des Kulturverfalls, des ewigen Regens und des größten Weihnachtsbaums Europas. Wenn ich den Namen höre… wieso denke ich immer an Oralsex?.. Dort – mund… Na ja, egal… Einige werden hier geboren. Einige reisen hier ein. Einige haben auch Lust, hier zu sterben. Die Zwischenpause wird als Leben bezeichnet und dient hauptsächlich dazu, warme Unterwäsche für 9,99 ˆ bei Karstadt zu kaufen und sich bei jedem Borussia-Fußballspiel zu betrinken. Eigentlich sollte ein Film über Dortmund nicht in schwarzweiß gedreht werden sondern in schwarzgelb. Tja… und wenn du damit endlich aufhörst, die Stadt zu hassen, dann kannst du auch die kräftige Stimme der Stadt hören – mit dem berühmten Ruhrpott-Dialekt… Stimme eines Radiomoderators (mit türkischem Akzent): Al-Salamu alaykum, liebes Dortmund! Und jetzt hören wir einen Song von einer unbekannten englischen Band „Beatles“, den voll korrekte Kumpels für den Typ namens Max bestellt haben – und zwar mit dem Wunsch: „Bleib so wie du bist, Alter!“…
Musik: Beatles „I’m a loser!“
Innen. Max’s Wohnung. Morgen.
Max schläft in seinem Bett. Er wacht auf, hört den Song „I’m a loser“, verzieht das Gesicht vor Kopfschmerzen und schaltet das auf dem Nachttisch stehende Radio aus. Plötzlich merkt er, dass neben ihm ein Mädchen schläft, Max sieht ihren Hinterkopf. Sie dreht sich langsam mit dem Gesicht zu ihm. Für eine Sekunde scheint es ihm, als ob es das hübsche blonde Mädchen von der Party wäre, aber er begreift sofort, dass es eine andere, ihm unbekannte Person ist.
Max: Wer, wer bist du? Charlotte: (kichert) Also in der Nacht hast du mich die purpurne Rose von Kairo genannt. Max: Aha… ist auch leicht zu merken, aber mit dem Namen wirst du bestimmt einige Probleme beim Einwohnermeldeamt haben… Wo, wo ist, wo ist meine Brille? Ohne die fühle ich mich unsicher im Bett… (Max steht auf, setzt die Brille auf und schaut Charlotte an.) Charlotte: Wie sehe ich aus? Max: Was, was meinst du damit, wie du aussiehst? Charlotte: Findest du mich nicht attraktiv? Max: Doch, natürlich! Ich bin ein Optimist. Ich finde jede Frau attraktiv, die, die, die ich morgens in meinem Bett finde.
Max fängt an, sich schnell anzuziehen.
Charlotte: Liebst du mich etwa nicht mehr? Max: Was, was? Ja, also, äh… weißt du… natürlich liebe ich dich… wie heißt du noch mal? Charlotte: Charlotte. Max: Ja, Charlotte, natürlich liebe ich dich… du bist doch volljährig, oder? Charlotte: Und wie steht’s mit meiner Rolle im Film? Max: In welchem Film? Charlotte: In deinem Film. Du hast doch gestern diese tolle Geschichte erzählt. Max: Meine geniale Story… oh, nein! Charlotte: Weißt du etwa nicht mehr? Max: Ich kann mich an nichts mehr erinnern… Meine geniale Story! Nein, das kann nicht wahr sein – ich hatte endlich mal eine Inspiration und habe die Geschichte einfach vergessen! Ein Blackout! Typisch für mich… Worum ging’s da, in dem Film, weißt du noch? Charlotte: Nee, nicht wirklich… Na ja, in der Geschichte, da war ein Mädchen, und sie… äh… sie war… Max: Was, was denn? War sie eine Killerin, Nobelpreisträgerin, Sexbombe, Bananenverkäuferin – was war sie? Wer war sie? Wie alt?.. Charlotte: Ich weiß es nicht mehr… Max: Ich bin verdammt in alle Ewigkeit!.. Oder wenigstens für ein paar Tage… Charlotte: Aber du hast doch die Geschichte jedem auf der Party erzählt. Vielleicht weiß jemand anderes mehr als wir… Willst du ein Brathähnchen zum Frühstück?
Max sieht Charlotte deprimiert an.
Musik: Benny Goodman & Orch. „Sing, sing, sing“
Außen. Straße. Tag.
Max rennt an vielen Menschen vorbei über den Bürgersteig. Er wirft verzweifelt die Arme hoch, spricht mit sich selbst, schreibt etwas in sein Notizbuch und läuft dann weiter.
Innen. Flur/Wohnung. Tag.
Montage: unterschiedliche Türklingeln, Telefontasten und Buchstabentasten an der Computertastatur…
Innen. Wohnung. Tag.
Drei Typen von der Party sitzen auf der Couch vor Max.
1.: Ja, das Mädchen hieß Alice. 2.: Nein, sie hieß Gundula. 1.: Gundula?! Nie im Leben hieß sie Gundula! 2.: Aber ich will, dass sie Gundula heißt.
Innen. Max’s Wohnung. Tag.
Max schreibt was am Rechner, dann nimmt er ein ausgedrucktes Blatt aus dem Drucker und liest das, was er geschrieben hat.
Innen. Traum / schwarzer Hintergrund.
Das blonde Mädchen von der Party schaut in die Kamera.
Mädchen: Hallo. Ich heiße Gundula.
Innen. Max’s Wohnung. Tag.
Max zerknittert das Blatt Papier und wirft es weg.
Innen. Olivers Wohnung. Nacht.
Oliver liegt im Bett, stützt sich auf seinen Ellbogen, nimmt den Telefonhörer ab und hält ihn ans Ohr. Er greift nach seiner Armbanduhr auf dem Nachttisch, guckt nach der Uhrzeit, legt die Uhr zurück.
Oliver (ins Telefon): Ach, hallo… nein, nein, ich war schon wach… sag mal, weißt du eigentlich, dass es schon Viertel nach vier ist?.. Manchmal machst du mir wirklich Angst.
Innen. Wohnung. Tag.
Drei Typen von der Party sitzen auf der Couch vor Max.
1.: Und dann kam ein Polizist… Max: Ein Polizist?! Ein Polizist kommt zu Gundula? 1.: Nein. Ein Polizist kam zu uns. 2.: Die Nachbarn haben sich beschwert, unsere Party sei zu laut gewesen. 3.: Wahnsinn.
Max sieht verzweifelt aus. Er schaut nach hinten und sieht in der Küche drei ähnlich aussehende Mädchen, die Geschirr spülen und sich dabei auch wie die Typen synchron bewegen.
Außen. Straße. Tag.
Max befragt einen im Auto sitzenden Mann und schreibt was in sein Notizbuch.
Innen. Krankenhaus. Tag.
Max befragt einen im Bett liegenden Kranken und notiert seine Antworten. Daneben stehen ein paar Ärzte.
Kranker: (mit schwacher Stimme) Und als er (hustet) ihr mitteilte, er sei… äh… er sei ein Chemielehrer, antwortete sie ihm: Ich liebe… ich liebe dich… (sagt etwas unverständliches und stirbt) Max: (zu den Ärzten) Was, was hat er da gesagt? War das ein „ich“ oder eher ein „nicht“? Arzt: Es tut mir leid, aber… das war ein „nicht“. Sie liebt ihn nicht mehr. Außen. Park. Tag.
Max befragt einen Clown, um den ein paar Kinder tanzen, und notiert seine Antworten.
Clown: Ich glaube, du hast damals erzählt, dass sie eine Schlafwandlerin war. Deshalb ist sie auch im Zimmer dieses Chemielehrers nachts aufgetaucht. Max: Bist du sicher? Clown: Sehe ich so aus, als ob ich scherzen würde?!
Innen. Olivers Wohnung. Nacht.
Oliver liegt im Bett, raucht und spricht ins Telefon.
Oliver: Ihr Ex-Freund war der einäugige Manfred, glaube ich… Ach, nee, warte mal! Mein Drogendealer ist der einäugige Manfred, ja klar…
Außen. Straße. Tag.
Max läuft eine Straße entlang. Er bleibt stehen, versucht ruhiger zu atmen und greift nach seinem Notizbuch. Nachdem er etwas geschrieben hat, läuft er weiter, aber in die falsche Richtung. Er merkt es, dreht sich dann um und läuft weiter.
Innen. Max’s Wohnung. Tag.
Max sitzt am Rechner und tippt etwas ein. Charlotte bringt ihm was zu essen und küsst ihn, Max unterbricht aber seine Arbeit nicht – und korrigiert zerstreut ein Wort mit einem Marker direkt auf dem Bildschirm.
Innen. Olivers Wohnung. Nacht.
Oliver liegt im Bett, raucht und spricht in den Telefonhörer.
Oliver: Ach, sei locker, Mann! Schreib das, was du schon immer geschrieben hast: eine Geschichte über dich selbst. Eine Person auf der Suche nach dem Sinn des Lebens durchlebt alles Mögliche und erfährt am Ende, dass die Kakerlaken in ihrer Küche in Wirklichkeit die hochintelligentesten Wesen von einem anderen Planet sind…
Innen. Ein Fernsehstudio / Nachrichtenmagazin. Abend.
Ein Fernsehmoderator schaut besorgt in die Kamera.
Moderator: Wir unterbrechen unser Programm für eine traurige Mitteilung. Gestern Abend wurden die Ergebnisse der letzten 10 Jahre astrophysischer Forschungen zunichte gemacht. Der Versuch der Aliens, Kontakt mit der Erde aufzunehmen, wurde von einer fiktiven Figur namens Gundula unterbrochen. Und zwar mithilfe eines Pantoffels.
Es wird der Pantoffel gezeigt – mit dem Schild „Beweisstück ¹1“. Innen. Olivers Wohnung. Nacht.
Die Kamera wendet sich vom Fernsehbildschirm Oliver zu, der im Bett raucht und in den Telefonhörer spricht.
Oliver: Ja, das wäre cool. (kichert)
Ende Musik.
Innen. Max’s Wohnung. Tag.
Max sitzt am Rechner, tippt etwas ein und sieht glücklich aus. Es sind anscheinend die letzten Zeilen seines Drehbuches. Er lehnt sich zurück, lächelt erleichtert und sieht Charlotte, die mit den Engelsflügeln (aus der ersten Szene) vor ihm steht.
Charlotte: Ich werde deine Muse sein und dich inspirieren!.. (schaut Max an) Was? Was ist?.. Hab ich was im Gesicht?
Innen. Studententheater. Abend.
Auf der Bühne befinden sich der Inquisitor im Kapuzineranzug und Jeanne d’Arc am Scheiterhaufen, die von Johannes mit Perücke auf dem Kopf gespielt wird.
„Inquisitor“: Oh, der Henker ist schon nah! Ich spüre sein billiges Parfüm… Zum letzten Mal wende ich mich an dich! Johannes: Ich bin ganz Ohr. „Inquisitor“: Sag “ja”! Johannes: Ich hab die Frage vergessen. „Inquisitor“: Spiel keine Spielchen mit mir! Antworte, sonst wirst du zu Tode geröstet. Über mäßigem Feuer. Johannes: Und wenn ich „Ja“ sage? „Inquisitor“: Dann erhältst du als Belohnung zwei Freikarten für den neuen Film mit Jennifer Lopez. Johannes: Nein! Lieber der Tod! „Inquisitor“: Nun – stirb!
Fünf Mädchen kommen tanzend auf die Bühne und stellen das Feuer um Jeanne mithilfe von Papierblättern dar – im Stil von alten Musicals.
Johannes (feierlich singend): I am singing in the fire Just singing in the fire, What a glorious feeling - My secret desire…
Max sitzt im Publikum und sieht ängstlich auf die Bühne. Alle anderen Zuschauer fangen an, begeistert zu applaudieren.
Innen. Umkleideraum des Theaters. Abend.
Johannes sitzt vor dem Spiegel mit Perücke in der Hand und hört Max zu, der neben ihm sitzt und gerade versucht, seine Eindrücke von dem Theaterstück zu beschreiben.
Max: Das Stück war sehr… äh, also, wie soll ich sagen, sehr provozierend und, und es strahlte eine, eine, eine wunderbar negative Potenz aus. Selbst die Idee, dass Jeanne d’Arc ein Mann war und dazu noch in den Inquisitor verliebt war… also… äh, ich, ich hatte Tränen in den Augen, wirklich! Johannes: Also, du fandest es wirklich toll? Max: Äh, „toll“ ist nicht der richtige Ausdruck dafür, aber ich, ich… hast du vielleicht Lust an meinem nächsten Kurzfilm mitzuwirken? Johannes: Nein. Max: Nein?! Aber wieso? Ich hab die Hauptrolle extra für dich geschrieben! Johannes: Das hast du auch letztes Mal gesagt. Kaum zu glauben: ein Müllmann! Und dabei hast du sofort an mich gedacht! Seitdem kann ich keine Joghurtbecher mehr sehen… Nein, jetzt reicht es mir. Ich bin ein ernsthafter Schauspieler, mir wurde gerade eine Traumrolle angeboten: Hamlet in der Identitätskrise. „To be bi or not to be bi?..“ Max: Ein bisexueller Hamlet?! Johannes: Ja, eine sehr impulsive Rolle. Deshalb auch keine Zeit für No-Budget. Max: Aber, aber… äh, diesmal ist es was ganz anderes, glaub mir! Johannes: Wieso denn, wenn ich fragen darf? Max: Weil… weißt du, ganz einfach weil diesmal die Story… äh… nicht von mir ist! Johannes: Was meinst du damit? Max: Das ganze Drehbuch hat meine Bekannte geschrieben. Ihre Theaterstücke wurden schon mehrmals inszeniert, man nennt sie „die deutsche Antwort auf Tschechow“! Sie ist toll, sie ist umwerfend, ein Genie ist sie! 1.2 im Abitur – das sagt doch alles! Johannes: Wirklich?.. Hm… Wieso glaube ich dir nicht? Das wird bestimmt wieder ein kranker Film ohne jegliche Hoffnung auf ein Happyend… O.k., und worum geht’s da?
Max reibt sich genussvoll die Hände, als ob er gleich anfängt, etwas wirklich Interessantes zu erzählen.
Innen. Max’s Wohnung. Abend.
Charlotte steht vor Max.
Charlotte: Ich?! Eine Drehbuchautorin?! Das ist doch verrückt! Das einzige Buch, in das ich was rein schreibe, ist das Kochbuch… Max: Charlotte, Du wolltest doch immer Schauspielerin werden! Betrachte es wie ein Casting… Außerdem ist Johannes schon einverstanden, so begeistert war er von der Story – er wollte nur unbedingt dich vorher kennen lernen! Charlotte: Aber er wird doch sofort merken, dass ich so was nicht kann! Max: Glaub mir, er wird nichts merken! Johannes beschäftigt sich die ganze Zeit damit, Sand in die Augen zu streuen. Und du wirst auch dasselbe tun: sage einfach ein paar Worte wie „kohärent“, „immanent“ und „dekadent“, und wenn er einen Namen erwähnt, dann nickst du und sagst „Erich Maria Remark, ja natürlich…“ Charlotte: Maria Remark, ja, natürlich kenne ich sie! Max: Na siehst du! Das klappt doch fabelhaft! Außer der Kleinigkeit, dass Remark ein Er war…
Innen. Max’s Wohnung. Abend.
Johannes und Charlotte sitzen auf der Couch und trinken Rotwein. Max steht daneben und beobachtet sie.
Johannes: Ich meine, das ist doch alles so metaphysisch, die ewigen Fragen nach der Existenz der Wirklichkeit für das menschliche Bewusstsein. Wenn wir die Theorie von Pier Paolo Pasolini als Beispiel nehmen… Charlotte: Mhm, Pasolini … Johannes: Kennst du seine Kunstwerke? Charlotte: Kunstwerke, ja, natürlich kenne ich sie! Ich bewundere seine Bilder, sie sind so… äh… blau, oder?
Max schneidet Grimassen.
Charlotte: Ich meine, so extrapr… äh, ex… exzepr… Johannes: Exzeptionell? Charlotte: (erleichtert) Ja, ja! Diese alten Griechen brennen bestimmt in der Hölle… Johannes: Pasolini malte… hm… und hatte auch eine blaue Periode ähnlich wie Picasso? Das wusste ich gar nicht… Ich meinte seine Filmtheorie, in der Kino als abstrakte langue-Ebene betrachtet wird, wenn wir die linguistischen Begriffe von Ferdinand de Sausseur verwenden, aber diese theoretischen Überlegungen führen zu einer entscheidenden Frage: Gibt es Kino überhaupt? Charlotte: Natürlich gibt’s Kino! Wenn ich mit meinen Freundinnen ins Kino gehe, dann hoffe ich zumindest, dass es auch da steht, sonst haben wir… Äh, ich meine, alles andere wäre zu dekadent. Johannes: Du hast einen köstlichen Sinn für Humor! (lacht)
Außen. Cafe. Tag.
Max und Cutters Bruder sitzen in einem Cafe und trinken Kaffee. Während des ganzen Dialogs hört man die Unterhaltung der anderen Gäste als unbestimmtes Gemurmel.
Max (off): Du weißt schon, dein Bruder ist ein professioneller Cutter, aber er… äh… kann zurzeit nicht so gut… Cutters Bruder: Er hat dich in die Wüste geschickt. Max (off): Ja, schon möglich, aber wie sieht es mit dir aus? Ich, ich meine, du hast ihm oft bei seiner Arbeit zugesehen. Deshalb dachte ich mir, dass du mir beim Filmschnitt helfen könntest… Cutters Bruder: Dann bist du also Regisseur? Max (off): Ja, das steht auch auf meiner Visitenkarte: Max, der freiberufliche Zauberer und Hobby-Regisseur. Cutters Bruder: Das finde ich überhaupt nicht komisch. Bist du schwul? Max (off): Was, was?! Was meinst du damit? Was, wie bist überhaupt auf die Idee gekommen?! Cutters Bruder: Mein Bruder sagt, im Mediengeschäft sind alle entweder schwul oder Alkoholiker. Oder schwule Alkoholiker. Max (off): Aber ich, ich bin noch gar nicht im Mediengeschäft!.. Cutters Bruder: Dann hast du aber eine große Zukunft vor dir.
Außen. Straße. Tag.
Ein junger Kameramann filmt mit Kamera eine Blume. Max steht daneben, erzählt ihm irgendetwas und versucht anscheinend, ihn zu überzeugen. Der Kameramann reagiert aber nicht, als ob er taub wäre. Dann lenkt Max doch die Aufmerksamkeit auf sich und der Kameramann beginnt, Max zu filmen. Am Anfang lächelt Max nervös, dann bittet er den Kameramann damit aufzuhören, und am Ende läuft er weg. Der Kameramann läuft ihm hinterher und filmt ihn immer noch emotionslos weiter.
Innen. Tonstudio. Abend.
Max steht an der Tür eines Tonstudios, die sich öffnet, und er sieht den kleinen Amor vor sich stehen.
Max: Wer bist du?
Der Amor antwortet nicht – er zeigt, dass Max schweigen soll, und geht ins Tonstudio zurück. Max folgt ihm. Im Tonstudio steht Mathias, der freiberufliche Tonregisseur, mit Kopfhörern an seinen Ohren und mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. Der Amor setzt sich hin und beobachtet die beiden während des ganzen Dialogs.
Mathias: (merkt Max, nimmt die Kopfhörer ab und gibt sie an Max) Du musst es hören, du musst es dir unbedingt anhören! Das ist, das ist einfach fantastisch! Max: (setzt die Kopfhörer auf und schüttelt den Kopf) Ich höre aber gar nichts… Mathias: (sehr aufgeregt) Ja, das ist es! Kennst du den Spruch: „Schweigen ist Gold“? Das hier ist goldwert! Das Schweigen der Schauspieler, sowie das Schweigen der Lämmer, aber besser… Max: Ich verstehe dich nicht. Mathias: Wir sind doch alle daran gewöhnt, dass all die Stars ständig reden: sie reden, reden, reden, in Filmen, in Interviews! Die Zuschauer denken schon: wann werden sie endlich ihre Klappe halten? Und da, plötzlich, auf einmal – schweigen sie!.. Begreifst du es nicht? Mit diesen CDs werde ich noch Millionär! Das hier ist der 7. Track, also Michael Douglas, eigentlich Geschmackssache, aber warte mal, das wird dir bestimmt gefallen… (drückt eine Taste auf dem Player) Ja, jetzt ist es da – das Schweigen von Gwyneth Paltrow! Na, na, hörst du es? Max: (nicht so überzeugt) Mhm, äh, ich, ich höre da was… Mathias: Es ist so sexy, sie schweigt so überzeugend, so bedeutsam, so professionell! Eine echte Oscarpreisträgerin! Max: Kannst du es für mich überspielen? Mathias: Ja klar! Und, und, und… wieso bist du eigentlich hier? Max: Äh, weißt du, ich habe jetzt vor, einen Kurzfilm zu machen, und ich dachte, dass du… äh, also natürlich nur wenn du Zeit und Lust hast… Mathias: Ein Film… Ein Film?! Und du bist der Regisseur? Das ist doch toll! Max: (zweifelnd) Glaubst du? Mathias: Ja, ja, toll, wirklich toll! Warte mal, ich werde es gleich machen… (fängt an, nach Micros zu suchen, schließt Geräte an) Ich werde gleich dein Schweigen aufnehmen, und wenn du irgendwann mal, ich meine – rein hypothetisch, berühmt wirst, wird auch diese Aufnahme goldwert! Max: Aber!.. Mathias: (bringt ein Micro zu Max) Und jetzt bitte schweige für ein paar Minuten in dieses Micro. Max schweigt. Er schaut auf den kleinen Amor, der mit seinem Finger wie mit einer Pistole auf Max schießt. Max reibt sich leicht seine Brust, als spüre er einen Stich ins Herz.
Innen. Hausflur (vor der Tür der Charlottas Wohnung). Tag.
Max steht an der halbgeöffneten Tür, Charlotta im Nachthemd schaut ihn an und lässt Max nicht rein.
Charlotte: Hallo… Max: Hallo, darf ich?.. Du hast seit zwei Tagen nicht mehr angerufen… Charlotte: Oh, weißt du, ich, ich glaub nicht, dass das geht, wirklich. Es tut mir leid. Max: Was, ist was passiert? Bist du krank oder so?
Im Hintergrund erscheint Johannes, auch halbnackt.
Johannes: Ah, du bist es… Ich dachte schon, es ist endlich der Pizza-Fahrer gekommen… Max: Nein, ich hab keine Pizza. Johannes: Schade.
Johannes geht zurück ins Wohnzimmer.
Max: So ist es jetzt also… Charlotte: Ja. Bist du jetzt sauer auf mich? Max: Nein, nein, auf gar keinen Fall, ich, ich bin ehrlich gesagt froh, dass ihr beide… ich meine, dass es mit euch beiden… Charlotte: Willst du Kaffee oder so was? Max: Oh, nein, danke, ich bin schon nervös genug. Ich habe morgen den Drehbeginn, weißt du, und ich dachte, dass ich… äh… vorbeikomme und so… aber weißt du… ich brauche… Charlotte: Brauchst du Sex? Ich kann dir die Telefonnummer meiner besten Freundin geben! Max: Was?! Charlotte: Klar! Sie ist eine rothaarige Kommunistin, sehr hübsch. Arbeitet als Zahnarzthelferin… Max: Oh, nein, danke! Nicht dass ich was gegen Kommunisten habe… aber eine Zahnarzthelferin… Nein, wirklich nicht, ich wollte nur… Charlotte: Bist du sicher? Max: Ja, ich wollte nur mal vorbeischauen und „Hallo“ sagen und… und… und euch an den Termin morgen erinnern! Charlotte: Ja, klar, morgen um 15.00… Max: Um 13.00 im Fredenbaumpark! Charlotte: Ja, natürlich, das war ein Scherz! Klar sind wir morgen da… Johannes (off): Charlotte! Charlotte: (zu Johannes) Ich komme! Johannes (off): Das hast du auch vor einer halben Stunde im Bett gesagt… Charlotte: (zu Max) Okay! Dann bis übermorgen! Max: Bis morgen! Charlotte: Ich weiß ja – ich mach nur Witze! Ciao!
Charlotte schließt die Tür. Max bleibt allein im Dunkeln. Er setzt sich auf die Treppe im Flur, holt sein Handy heraus und ruft Oliver an.
Max: Hallo, Oliver… Das, äh, nein, nein… Ich bin, ich bin jetzt völlig im Arsch. Oliver (off): Max, eigentlich ist das dein permanenter Zustand. Nur aus reiner Neugier: was ist diesmal passiert? Max: Äh, ich, ich glaube, Charlotte hat mich gerade verlassen… Oliver (on): Du glaubst es? Max (off): Äh, sagen wir so – ich bin da ziemlich sicher… Oliver (on): Ach ja… Aber das ist doch, äh… Also die Einsamkeit an sich ist nicht so schlimm: du kannst essen soviel du willst und die Toilette ist nie besetzt. Max (on): Aber alle diese kleinen Nachteile, äh, ich meine, gibt es eine andere Möglichkeit zu erfahren, ob ich nachts schnarche? Und dazu noch dieser Film… Ich muss unbedingt aus dieser Sache heraus! Was mach ich… wenn ich… also weißt du, es ist einfach lächerlich. Ich meine, ich… Oliver (off): Was ist? Stimmt was nicht mit dem Film? Max (on): Du, du, du fragst mich, ob was...?! Der Tonregisseur ist verrückt, der Cutter hasst mich und der Kameramann ist farbenblind! Oliver (on): Dann machst du diesmal einen Schwarz-Weiß-Film, was soll’s? Nein, jetzt mal ehrlich, du weißt doch, dass dir so was immer passiert – jedes Mal, wenn du was anfängst, bist du außer dir. Mensch, wirklich, beruhige dich. Bist du ein Mann oder was? Max (off): Ich fühle mich jetzt eher wie ein „Oder-was“… äh, also, ich weiß nicht, ich hab nur… ich hab noch so viel zu tun bis morgen, so viele Leute soll ich noch anrufen! Und übrigens… warte mal… was, wo ist mein Handy? Scheiße, Oliver, ich, ich, ich hab mein Handy verloren! Oliver (on): (seufzt) Du hältst es in deiner Hand. Max (on): (nach einer Pause) Ja, du hast recht… Ich sollte mich wirklich beruhigen. Alles wird doch fabelhaft, oder?
Außen. Fredenbaumpark / Bühne. Tag.
Stimme einer Telefonistin (off): Ihr Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar… Bitte versuchen Sie es später noch einmal…
Max sitzt alleine auf der Open-Air-Bühne im Fredenbaumpark – in derselben Pose, wie er in der letzten Szene im Flur gesessen hat, mit Handy in der Hand. Er steckt das Handy in die Tasche, schüttelt den Kopf und schaut nach draußen. Es regnet. Ein stiller grauer Tag. Alle für den Dreh nötigen Sachen liegen hier auf der Bühne – Kamera, Scheinwerfer etc. Max schaut auf seine Armbanduhr, seufzt und schaut auf das Drehbuch, das neben ihm liegt, - auf der Titelseite steht „Blackout“. Max nimmt die Titelseite und macht daraus ein Papierflugzeug, danach lässt er es direkt in den Regen fliegen.
Max: (zum Himmel) Ich wusste schon, dass ich ein Loser bin, – ich hab doch keine Beweise gebraucht!.. (zu sich) Wahrscheinlich hatte Johannes Recht, ich sollte lieber Pornofilme drehen. Da wird wenigstens das ganze Team am Set erscheinen… Die beiden, ich hab die beiden immerhin miteinander bekannt gemacht – sie könnten doch aus reiner Dankbarkeit kommen! Sie hätten mich nur anrufen und mir Bescheid sagen müssen, dass sie nicht… Ich hätte sie alle natürlich verflucht und einen Killer beauftragt, aber sie wären sich wie anständige Menschen vorgekommen. Oder dieser… wie hieß der Kerl noch mal?.. egal… aber wenigstens er könnte kommen! Und keiner, hört ihr, keiner ist da! Ich bin wieder allein. Schluss. Aus. Heute gibt’s kein Happyend. (Max steht auf.) Ich bin doch nicht in einem Film… Mädchen: (off) Bin ich zu spät gekommen?
Überrascht sieht Max vor sich das unbekannte blonde Mädchen, das er auf der Party gesehen hat. Sie lächelt ihn an und hält in der Hand das Papierflugzeug.
Mädchen: Ist alles schon vorbei, ich meine – der Film und so… Max: Was? Nein, nein… ich hab nur… wir machen gerade eine Raucherpause.
Das Mädchen blickt sich um, sieht aber niemanden.
Mädchen: Das ist ja toll! Ich wollte schon immer in einem Film mitspielen. Hast du vielleicht noch eine Rolle für mich? Max: Eine Rolle? Äh… ja, klar… weißt du… die, die weibliche Hauptrolle ist gerade frei geworden. Mädchen: Echt? Und worum geht’s da? Max: Wo? Mädchen: In dem Film! (lacht) Max: Also, äh, es geht um Folgendes, ich werd es gleich erklären… Hier, hier werden wir die Schluss-Szene… äh, ich meine, also… (plötzlich entschlossen) also die Wahrheit ist die, dass es keinen Film mehr gibt. Es gibt keinen Film, keine Liebe, keinen Sex, es gibt nichts auf dieser Welt! Ich, ich, ich wurde vielleicht geliebt, habe das aber nicht geschätzt – ich bin immer auf der Suche nach etwas Unerreichbarem! Was bleibt mir dann? Was habe ich von der Suche, von all diesen Zweifeln und Verzweiflungen? Was will ich? Hab ich wirklich was zu sagen? Diese leere Bühne als schöne Antwort auf mein Leben… Und meine einzigen wahren Freunde sind meine Illusionen! Ich erzähle doch jedem, dass ich ein Regisseur bin, aber das bin ich nicht, ich bin nur ein Träumer und, und, und hab einfach kein Talent, ich kann gar nichts, ich bin, ich bin ein Loser, und wenn ich tatsächlich in die Filmgeschichte eingehe, dann nicht als zweiter Woody Allen sondern als zweiter Ed Wood… Mädchen: Äh, gut… und welche Rolle soll ich spielen?
Max schaut erstaunt auf das Mädchen – und plötzlich lächelt er, die ganze Situation scheint ihm nicht mehr so schlimm zu sein. Er begreift, dass er in diesem Moment genau das hat, was eigentlich jeder Regisseur braucht – den Rezipienten. Und er fängt begeistert an, seine Story zu erzählen. Aufgeregt läuft er über die Bühne in eine Richtung, dann wieder in die andere, erzählt alle Einzelheiten, gestikuliert heftig und versetzt sich dabei in alle Rollen seiner Geschichte. Das Mädchen hört lächelnd, aber aufmerksam zu. Auf einer der Bänke vor der Bühne sitzt der Amor, er beobachtet Max und das Mädchen.
Schnitt. Filmklappe. Nachspann.
Eine Assistentin kommt zum Amor, schminkt ihn wieder. Er schaut in die Kamera, die sich in andere Richtung bewegt und das ganze Drehteam (ca. 7 – 9 Personen) zeigt – keiner reagiert aber darauf. Eine entspannte Atmosphäre – alle sind anscheinend nach den Dreharbeiten müde. Einer raucht, der zweite demontiert den Scheinwerfer, der dritte schaut ins Drehbuch und beweist etwas den anderen, die über ihn lachen.
Nur der kleine Amor springt vor der Kamera, um ins Bild zu kommen.
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